Happy Pride!

Happy Pride!

Hey, ich bin Michael, 30 Jahre alt und stolz darauf, schwul und Teil der LGBTQIA+ Community zu sein! In diesem Gastbeitrag möchte ich dir mehr über Heteronormativität (was das ist, erkläre ich später), einige Facts zur Community und zur Pride mit auf den Weg geben und dir von meinen persönlichen Erfahrungen mit Themen wie Coming-Out, Homophobie und meinem Weg zu meiner persönlichen Pride erzählen.
Aber wieso eigentlich Pride? Als Hetero ist man doch auch nicht stolz darauf, hetero zu sein? Oft wird man als schwuler Mann mit dem homophoben Kommentar “Ich hab nichts gegen Schwule, aber müsst ihr es immer so raushängen lassen?” konfrontiert. Und meine Antwort darauf ist “Ja müssen wir!” Ich möchte meine sexuelle Orientierung und Identität ausleben und ausdrücken können, so wie es heterosexuelle cis-Menschen (Menschen, die sich mit ihrem biologischen Geschlecht identifizieren) von klein auf dürfen.

Heteronormativität – unterbewusste Programmierung

Von Kindesbeinen an lernen wir, welche Rollenbilder von Mann und Frau gesellschaftlich anerkannt und erwünscht sind, wie wir zu sein haben, was von uns erwartet wird und was nicht. Ein Beispiel: Wenn ich mich an meine Kindheit zurückerinnere und darüber nachdenke, welche Spiele wir gespielt haben, ist das erste, was mir in den Sinn kommt “Vater, Mutter, Kind”. Dabei stand außer Frage, dass ein Junge natürlich den Vater, ein Mädchen die Mutter spielte. So imitierten wir die Verhaltensweisen und Dynamiken, die wir bei unseren eigenen Eltern erlebt hatten. Anderes Beispiel: Jeder von uns kennt Elternweisheiten und Geschlechterklischees wie “ein Indianer kennt keinen Schmerz” (wenn ein Junge weint) – Mädchen sind artig, sittsam und gut in der Schule, Jungs tragen hellblau – Mädchen tragen rosa, Jungs spielen mit Spielzeugautos – Mädchen mit Puppen, Jungs wollen Astronaut oder Feuerwehrmann werden – Mädchen, Prinzessin oder Supermodel.

Diese Liste könnte ewig so weitergehen, aber sie verdeutlicht schon ganz gut, wie sehr uns von klein auf Rollenbilder und Erwartungen aufgezwungen werden, die sich mehr und mehr in unserem Denken und Handeln verfestigen, je älter wir werden. Diese Werte und Geschlechterrollen nennt man auch Heteronormativität. Nirgends, wirklich zu keinem Zeitpunkt in meiner Kindheit gab es Gegenbeispiele, die mir gezeigt hätten, dass auch andere Lebensrealitäten möglich oder gar liebenswert sind und Toleranz und Respekt verdienen. Und diese fehlenden Alternativen, wie jede*r das Leben gestalten kann, beeinflussen uns für den Rest unseres Lebens; wir schämen uns, etwas anderes zu wollen, etwas anderes zu fühlen, etwas anderes zu sein – und das, obwohl wir alle gleichwertig und gleichwürdig sind.

Outing & die Frage “Wer bin ich?”

Mit dieser unfreien und engstirnigen Realität aufzuwachsen erschwert das Outing oder auch schon die Erkenntnis, anders zu sein. Diese so wichtige Erkenntnis, dass viele, wenn nicht sogar alle dieser erlernten Wertvorstellungen, auf die eigene Person nicht zutreffen und nicht anwendbar sind, wird in diesem Kontext überwältigend und beängstigend. Wenn ich nicht irgendwann eine klassische Familie mit “Vater, Mutter, Kind” haben werde, wenn ich als Junge kreativ und emotional bin, wenn ich als Mädchen laut und rebellisch bin oder gar analytisch oder technisch begabt bin, wenn ich als Junge auf Jungs stehe, oder als Mädchen auf Mädchen, wenn ich gar kein Interesse an Sex habe, im falschen Körper stecke, wenn ich einfach nicht in die Schablone der Gesellschaft passe, wer bin ich dann? Bin ich dann trotzdem noch liebenswert? Bin ich dann trotzdem noch wertvoll? Wie wird meine Zukunft aussehen? Woran kann ich mich orientieren?

All diese Fragen prasseln auf junge Menschen ein, die gerade die Erkenntnis gewonnen haben, dass sie Teil der LGBTQIA+ Community sind. Nun gibt es mittlerweile (zum Glück) mehr und mehr Repräsentation von LGBTQIA+ Menschen in den Medien und der Popkultur. Dennoch stellen sich für Jugendliche, die kurz vor ihrem Outing stehen, die gleichen Fragen.

Pride kommt nicht von alleine

Als Teil unserer Community steht man unvermeidbar irgendwann im Leben vor diesem Scherbenhaufen der eigenen Identität und Lebensrealität und muss sich daraus ein eigenes Mosaik legen. Wer oder was ist für mich Familie, was bedeutet für mich Mann sein / Frau sein / divers sein, und wer bin ich eigentlich? Und wenn ich das weiß, bin ich auch gut so wie ich bin?
Diese Identitätsfindung ist für die meisten von uns ein langer Prozess mit vielen Höhen und Tiefen. Und wenn wir irgendwann an dem Punkt angelangt sind, an dem wir sagen können “Ich bin gut, wie ich bin. Ich bin wertvoll, ich bin liebenswert”, wenn wir verinnerlicht haben, dass unsere eigene Identität und Lebensrealität genauso wertvoll und schützenswert ist und genauso sehr ihre Daseinsberechtigung hat, Toleranz und Respekt verdient hat, wie die der Hetero-Gesellschaft, dann haben wir allen Grund dazu stolz zu sein und das auch “raushängen” zu lassen.

“The first pride was a riot”

Im deutschsprachigen Raum ist der Begriff CSD gebräuchlicher. CSD ist die Abkürzung für “Christopher Street Day” und erinnert an die ersten Aufstände der LGBT-Bewegung. Am 28. Juni 1969 leisteten Homosexuelle und Trans-Menschen bei einer Polizei-Razzia im Stonewall Inn (einer beliebten Schwulen-Bar in der Christopher Street in New York) erstmals Widerstand gegen die damals übliche Polizeigewalt gegenüber homosexuellen und transidenten Menschen und die damit verbundenen willkürlichen Verhaftungen. Aus diesem ersten Widerstand und den darauf folgenden Unruhen, die maßgeblich von den Drag-Queens und Transfrauen Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera ausgelöst und angeführt wurden, entwickelte sich eine Bewegung, die nicht mehr aufzuhalten war. Seither treten Homosexuelle, Bisexuelle und Trans-Menschen Jahr für Jahr für ihre Rechte ein und der “Christopher Street Day” erinnert bis heute an diesen ersten gewaltsamen Widerstand und an diese Held*innen unser Community.

LGBTQIA-Was?

Während aus diesen Aufständen also eine jährliche Tradition wurde und homosexuelle und transidente Menschen Jahr um Jahr für ihre Rechte auf die Straße gingen und auch erste Erfolge erzielten, erweiterte sich das Spektrum an sexuellen Orientierungen und Gender-Identitäten, die in der Community Obhut fanden. Immer mehr Begriffe für Personengruppen, die noch unterrepräsentierter und noch unerwünschter waren (und bis heute sind) als Homosexuelle kamen zu den bisherigen Buchstaben “LGBT” hinzu.

Heute spricht man zumeist von LGBTQIA+. Das “L” steht für “Lesbian”, also Lesben, das “G” repräsentiert Schwule (engl. “Gays”). Das “B” steht für Bisexuelle, also Männer oder Frauen, die sich zu Männern und Frauen hingezogen fühlen. Mit dem “T” sind Trans-Menschen gemeint, also Personen, die sich nicht ihrem angeborenen biologischen Geschlecht zugehörig fühlen, sondern dem jeweils anderen (binären) Geschlecht.

Bei dem “Q” ist es etwas komplizierter: “Q” steht für Queer. Der Begriff war zunächst ähnlich wie das deutsche "Schwul" ein Schimpfwort für Homosexuelle und bedeutete so viel wie "sonderbar" oder "andersartig". Aber ähnlich wie ‘Schwul’ nahm die Community dieses Wort als positive Selbstbezeichnung an und änderte damit die Konnotation des Ausdrucks. Heute hat queer hauptsächlich zwei Bedeutungen: Zum einen ist es einfach nur ein Überbegriff für alle sexuellen Orientierungen und Gender-Identitäten, die die Community umfasst. Wenn ich also ausdrücken möchte “ich bin Teil der LGBTQIA+ Community, ich bin anders und ich bin stolz darauf” kann ich sagen “ich bin queer”. Zum anderen meint das Wort ‘queer’ in der jüngeren Vergangenheit auch zunehmend Personen, die sich nicht mit den gesellschaftlich etablierten binären Geschlechtern identifizieren können und die Gender als ein fließendes Spektrum empfinden und sich daher auch selbst als divers, nicht-binär oder genderfluid bezeichnen.

Das “I” steht für Intersexuelle, also Personen, die angeboren biologische Merkmale beider Geschlechter aufweisen. Und mit “A” sind asexuelle Menschen gemeint, also Personen, die kein Verlangen und Interesse an sexuellen Handlungen verspüren. Das Plus-Zeichen steht stellvertretend für alle weiteren sexuellen Orientierungen und Gender-Identitäten, die sich auf dem LBTQIA+ Spektrum befinden, aber nicht so klar zugeordnet werden können und wollen und dafür, dass unsere Community wie auch in der Vergangenheit stets weiter wächst und mit mehr Aufklärung auch neue unterrepräsentierte Gruppen Gehör finden.

Warum ist der Pride auch heute noch wichtig?

Mit der Legalisierung von Homosexualität und der Einführung der Homo-Ehe haben wir in der Vergangenheit schon viel erreicht. Aber auch heute gibt es noch viele Themen, für die wir weiter demonstrieren müssen: Bis heute ist gleichgeschlechtliche Sexualität in 69 Staaten weltweit noch strafbar - in manchen Ländern droht sogar die Todesstrafe. Und unsere hart erfochtenen Rechte sind noch nicht so alt, wie man vielleicht denken würde: Erst 1994 wurde Homosexualität in Deutschland vollends legalisiert. Bis dahin war Homosexualität noch im berüchtigten Paragrafen 175 als Delikt im Strafgesetzbuch aufgeführt, der ganzen Generationen von schwulen Männern den diskriminierenden Spitznamen “175er” einbrachte. Besonders schockierend: Laut der WHO galt Homosexualität bis 1993 als Krankheit.

Seither hat die Community vieles erreichen können. Weltweit haben 28 Länder die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare beschlossen - in Deutschland seit 2017. Insgesamt haben zwölf Staaten in ihrer Verfassung ein ausdrückliches Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Gender-Identität, darunter Bolivien, Mexiko und Österreich.
Aber es gibt auch noch vieles zu erreichen: In Deutschland ist die sexuelle Orientierung und Gender-Identität nach wie vor nicht Grundgesetz vor Diskriminierung geschützt. Männer, die Sex mit Männern haben, dürfen nach wie vor nicht Blut spenden und Bisexuelle, Transgender, intersexuelle, asexuelle und nonbinäre Menschen sehen sich nach wie vor mit vielen diskriminierenden Vorurteilen behaftet und für ihre Rechte wurde bisher nur wenig erreicht.

Meine persönliche Pride Story

Genau aus diesen Gründen ist es mir persönlich auch sehr wichtig, über das Thema LGBTQIA+ und Pride aufzuklären und selbst am Pride teilzunehmen. Ich selbst hatte in meiner Kindheit und Jugend viel mit Diskriminierung und Mobbing zu kämpfen. Andere Kinder und Jugendliche haben mir schon homophobe Ausdrücke hinterhergerufen, bevor ich überhaupt selbst realisiert hatte, dass ich mich zu meinem eigenen Geschlecht hingezogen fühle. Ich habe also noch nie zu der Sorte Schwuler gehört, die sich gut verstecken und in der Masse untertauchen können. Als kreativer und künstlerisch veranlagter Kopf war ich schon immer auf dem Präsentierteller und homophoben Mobbern schonungslos ausgesetzt. Es war für mich ein langer Weg, bis ich mich selbst akzeptieren konnte als der, der ich bin. Und ein noch längerer Weg, bis ich mich selbst lieben und annehmen konnte. Mein Weg meine eigene Pride zu finden und auch auszuleben, steht repräsentativ für die Wege von so vielen Menschen aus der LGBTQIA+ Community. Und egal ob du dazu gehörst, Unterstützer*in oder einfach nur interessiert an dem Thema bist: Ich möchte dir und allen anderen Leser*innen zum Abschluss eine Message mit auf den Weg geben: Du bist wertvoll, du bist liebenswert und gut so wie du bist, also: be proud!

Happy Pride!

Dein Michael



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